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Hoi, Nederland! Wiedersehen mit lieben Freunden in Friesland

  • Autorenbild: Desi
    Desi
  • vor 1 Stunde
  • 12 Min. Lesezeit

Herbstliche Grachtenstraße mit geparkten Fahrrädern, gelben Bäumen und spiegelndem Wasser; ruhige Stimmung.
Leeuwarden: bezaubernde Stadt, die 2018 sogar Kulturhauptstadt Europas war

Wir sind nun in Flensburg und machen uns langsam auf den Weg Richtung Harlingen in den Niederlanden. Dort wollen wir ein paar Tage bei unseren Freunden Petra und Piet verbringen, die wir mittlerweile vor drei Jahren an einem Campingplatz in Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz kennengelernt haben. Wir waren dort Platznachbarn und haben uns sehr gut miteinander verstanden. Piet und Petra haben uns sogar vor zwei Jahren auf einen Kaffee auf ihrer Durchreise nach Südtirol besucht.


Wir gehen den nächsten Tag gemütlich an und finden, dass es wieder Zeit für einen Campingplatz wird. Ein neuer Wäscheberg wartet auf uns! So machen wir zwischen Oldenburg und der niederländischen Grenze nochmal einen Zwischenstopp auf dem Campingplatz am Idasee, den wir bis auf ein paar vereinzelte Gäste ganz für uns alleine haben. Wir dürfen uns also ganz in Ruhe dem Wäschewaschen widmen 😄. Mittlerweile hatten wir den Dreh raus und es klappte einwandfrei. Nach einer ruhigen Nacht und einem gemütlichen Morgen mit Brötchenstopp bei einer örtlichen Bäckerei ging unsere Reise weiter.


Nun aber soll es endlich auf nach Harlingen gehen! Wir sind aufgeregt, wieder ein neues Land zu erkunden. Okay, ich bin wieder aufgeregt. Mario war als Kind schon häufiger in den Niederlanden und bringt mir ein paar Brocken Niederländisch bei. Mein Kopf kann es nicht ganz verarbeiten, denn nach Norwegisch und Dänisch soll nun innerhalb kurzer Zeit eine weitere Sprache Platz in meinem Hirn finden.


Das sollte aber alles gar kein Problem sein, denn in erster Linie ist es ja die Sprache des Herzens, die spricht und die es uns möglich macht, miteinander zu kommunizieren.


Als wir in der friesischen Hafenstadt Harlingen ankommen, ist die Wiedersehens-Freude groß. Petra und Piet begrüßen uns freudig in ihrem Zuhause und es gibt Kaffee, Kekse, die mitgebrachte Schokolade und viele Erzählungen. Ach ja, und Stroopwafels: eine süße Nascherei bestehend aus zwei übereinander gelegten, dünnen Zimtwaffeln mit Karamell dazwischen. Eine herrliche Nascherei, die nach Kindheit schmeckt, obwohl wir nicht damit aufgewachsen sind.


Gegen Abend machen wir uns gemeinsam auf zum Hafen und spazieren durch die schöne Stadt. Piet macht gerne Stadtführungen und kennt sich bestens mit der Geschichte der Niederlande und der Kultur aus, sodass wir bei jedem Spaziergang auch gleich viele interessante Geschichten hören. Außerdem erzählt uns Petra von den Tall Ships Races. Sie freut sich schon auf die Zeit, in der die großen, wunderschönen Segelschiffe Halt in Harlingen machen und viele Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen, um gegen einander zu wetteifern, aber in erster Linie, um Freundschaften unter den Ländern aufzubauen und sportlichen Ehrgeiz zu beweisen.


Rotes Hafenboot mit Leuchtturmaufsatz am Kai, umgeben von Masten und Stegen im ruhigen Hafen unter grauem Himmel.
Das Leuchtturm-Schiff Jenni Baynton diente von 2005 bis 2015 als Radiosender-Spot - heute wird noch gelegentlich ausgestrahlt

Ein bisschen Hintergrundgeschichte zu Harlingen in Friesland

Harlingen erhielt 1234 das Stadtrecht (eine leicht zu merkende Zahl), unter anderem weil Grachten in der Stadt angelegt wurden. Das sind die berühmten Kanäle, die zu Handelszwecken genutzt wurden. Bis vor einigen Jahrzehnten sind die Grachten im Winter zugefroren und eigneten sich ideal zum Eislaufen und Eisschnell-Laufen.


Nachdem wir erfahren haben, dass Dänemark mit Versandung zu kämpfen hat und auf die Gegebenheiten der Natur damit reagiert, zum Beispiel Leuchttürme wandern zu lassen, hatten die Niederlanden immer ein Thema damit, Landmasse zu retten, die vom Meer verschluckt oder fortgerissen wird. So entstanden die Deiche: Landmasse wurde aufgeschüttet, um eine Art Barriere zum Meer zu bauen und die dahinter liegenden Landfläche vor dem Versinken zu schützen.


Kanal in Wohngebiet mit geparktem Boot, modernen Häusern mit Solardächern und bewölktem Himmel.
Auf dem Weg zum Hafen spazieren wir entlang und über die Grachten von Harlingen

Harlingen lag ursprünglich noch westlicher, aber das Meer riss immer mehr Landmasse fort. Um das Land zu schützen, wurden die Deiche rund um das Wattenmeer erweitert. Südlich von Harlingen beginnt der über 30 km lange Abschlussdeich, der bis nach Den Oever reicht und das Ijsselmeer von der Nordsee bzw. dem Wattenmeer trennt.


Heute hat Harlingen etwa 15.000 Einwohner. Ein sehr außergewöhnliches Hotel befindet sich übrigens direkt in einem alten Hafenkran.


Tall Ships Races 2026: Routen-Etappenziel Harlingen

Immer wieder ist der Hafen auch eines der Routen-Ziele im "Tall Ships Races" Event, so auch Anfang Juli 2026. Seit 70 Jahren wird jährlich ein Großsegelschiff-Rennen ausgetragen, das unterschiedliche Häfen in europäischen Gewässern ansteuert. Ursprünglich war das Event als Abschied von den großen Segelschiffen gedacht, da man dessen Ära zu Ende dachte. Aber, das Gegenteil passierte! Ziel der Regatta ist übrigens, einerseits ein Wettsegeln zu veranstalten, und andererseits, zwischen jungen Menschen eine Völkerverständigung, Charakterbildung und persönliche sowie physische Entwicklung zu fördern. Wir sind leider zeitlich bedingt nicht dort, um dieses Spektakel zu sehen, hoffen aber, dass wir in Zukunft einmal dabei sein können! Die Geschichte dazu finden wir sehr spannend und sehr beflügelnd!


Poster mit Segelschiffen auf dem Meer; rechts steht TALL SHIPS RACES 2026 HARLINGEN, links erklärender Text, ruhige Hafenstimmung.
Werbeplakat für die Tall Ships Races 2026, die 2026 in Harlingen Halt machen

Das Richtige kommt, wenn man nicht damit rechnet

Wir genießen einen feinen Abend am Hafen in einem Café, essen dort zu Abend und freuen uns sehr, dass wir uns wieder sehen. Manchmal sind die schönsten Begegnungen die, mit denen man am wenigsten rechnet, zu einer Zeit, in der man sich verloren fühlt nicht vielleicht auch fremd auf der Welt. Aber dann trifft man Menschen wie Petra und Piet und man fühlt sich einfach verbunden. Lustigerweise haben wir uns in Bad Schandau nur kennengelernt, weil wir ursprünglich Urlaub im Schwarzwald machen wollten (noch mit Mini-Auto und Zelt), das Wetter aber so schlecht wurde, dass wir beschlossen haben, in den Nord-Osten von Deutschland zu fahren, denn da war das Wetter besser gemeldet. Wieder einmal ein Beweis für mich, dass die eigenen Pläne nicht immer die besten sind und wir Spielraum für das Leben lassen sollten.


Drei lächelnde Personen gehen auf einem grasigen Damm am Yachthafen entlang, mit Segelmasten und kleinen Häusern im Hintergrund.
Schön, wenn Menschen in dein Leben treten, die dich auf besondere Weise sofort eine Verbindung spüren lassen

Das älteste funktionierende Planetarium der Welt in Franeker

Nach einem gemütlichen Abend mit guten Gesprächen geht es für uns in die Federn. Nach über 50 Tagen zum ersten Mal wieder in einem richtigen Bett schlafen - denn wir dürfen in einem der Kinderzimmer übernachten. Der Inni war von Anbeginn an für mich eine Kuschelhöhle und ein Zuhause - wieder in einem Haus zu übernachten, war selbst nach so kurzer Zeit eine kleine Umstellung für mich. Wir schliefen sehr gut und fühlten uns wirklich wohl, dank der wundervollen Gastfreundschaft. Aufstehen am nächsten Morgen war für mich etwas schwieriger als für Mario ;-). Nach einem gemeinsamen Frühstück stand ein Besuch in der benachbarten Universitätsstadt Franeker an.


Franeker - oder Frjentsjer - ist Petras Heimatstadt etwa 12 Kilometer von Harlingen entfernt. Sie hat heute etwa 13.000 Einwohner und ist ebenso wie Harlingen sehr gut zu Fuß - oder noch besser: per Rad, zu erkunden. Die beiden Städte liegen nah beinander, sind aber kulturell ein bisschen unterschiedlich. In Franeker wird neben Niederländisch hauptsächlich Friesisch gesprochen.


Blaues astronomisches Wandbild mit konzentrischen Kreisen, Sternzeichen und niederländischen Beschriftungen im Planetarium.
Seit 1781 schwingt das Pendel des ältesten noch funktionierenden Planetariums

Wir besuchen das Planetarium, das von Eise Eisinga in seinem eigenen Wohnhaus gebaut wurde. Wer jetzt an eine digitale Lasershow und Fotos aus dem Weltall denkt, liegt falsch. Das Planetarium läuft rein mechanisch und wurde in akribischer Kleinstarbeit fein säuberlich aus Holz und tausenden Nägeln anhand von Beobachtungen und Berechnungen so gebaut, dass es heute noch fehlerfrei funktioniert.


Innenansicht einer alten Holzmechanik mit Reihen von Metallstiften in dunklem Raum, warm beleuchtet.
Ein Blick in den Stock über dem Wohnzimmer gibt Einblicke in die Feinmechanik dieses physikalischen Meisterwerkes

Die damals sechs entdeckten und bekannten Planeten kreisen um die Sonne, Tag und Monat und sogar Uhrzeit werden angezeigt. Bis auf zwei kleine Schäden, die behoben wurden, hat das Planetarium Kriege und Abnutzung bestens überstanden. Das Wohnhaus ist ein Museum und ein Kurzfilm über Eise schildert seine Geschichte, seine Berechnungen und den unglaublichen Bau dieses Meisterwerkes.


Museumsvitrine mit historischem Tellurium-Lunarium; Besucher betrachten das große Uhrwerk mit goldenen Zeigern und römischen Zahlen.
Wir sind beeindruckt von den wunderschönen, feinsten mechanischen Abläufen, die damals schon gebaut wurden

Der Besuch im Planetarium war für uns sehr beeindruckend und wir hätten nicht erwartet, dass vor fast 250 Jahren bereits eine sehr genaue Abbildung unseres Sonnensystems nachgebaut und sogar die Tierkreiszeichen, Mondphasen, Monate und Tage so Voraus berechnet und mechanisch nachgebaut werden konnten. Seit 2023 ist das Planetarium außerdem UNESCO Welt-Kulturerbe.


Vier lächelnde Personen posieren vor astronomischen Geräten in einem Museum; daneben ein Infoposter.
Eine schöne Erinnerung an einem tollen Ort

Im Café beim Planetarium testen wir die lokale Küche: niederländische Vlees-Kroketten auf Brot für Mario und einen hausgemachten Ziegenkäse auf Salat. Herrlich!


Mann und junge Frau gehen lächelnd durch eine enge Kopfsteinpflasterstraße; am Rad hängt eine orange PostNL-Tasche.
Ich bin vertieft in einen Monolog und bemerke gar nicht, dass Mario uns fotografiert

Wir spazierten anschließend durch Franeker und erfuhren, dass die ehemalige Universität nun eine psychiatrische Klinik ist. Wir spazieren zudem an einem interessanten Sportfeld vorbei, das uns im ersten Moment sofort an Harry Potter und Quidditch erinnert. Petra erklärt uns, dass es sich dabei um den friesischen Handball Keatsen handelt, einer lokalen Sportart, die mit sehr viel Leidenschaft und Stolz betrieben wird.


Getigerte Katze sitzt hinter einem Fenster mit Jalousien an roter Backsteinwand; davor Pflanzen, Bank und Radkappe.
Wer wie Mario ein Auto für Details hat, fängt solche tollen Momente ein. Na, entdeckt ihr die Katze?
Grüne Wiese vor zwei roten Türmen und Kirchturm in einer ruhigen Stadt unter blauem Himmel.
Wahrscheinlich eine Inspiration für Quidditch: der friesische Sport Keatsen, also friesischer Handball

Hindeloopen: von Trendsettern und Künstlern

Als nächsten Stopp besuchen wir Hindeloopen - eine weiter historische friesische Stadt. Auch diese hat einen besonderen Dialekt: Hindeloopers. Wir haben uns sagen lassen, dass selbst für friesische Ohren dieser Dialekt sonderbar klingt. Auch einen ganz eigenen Modestil hat die Stadt: eine traditionelle Tracht aus dem 19. Jahrhundert ist dort noch sehr präsent. Ihren Ursprung haben diese in den Baumwollstoffen, die im 17. und 18. Jahrhundert aus Indien nach Hindeloopen per Schiff gebracht wurden. Traditionell wurden vorher nur Leinen und und Wolle getragen. Auch künstlerisch hat die Stadt dort interessante Wurzeln: die Hindelooper Malerei.


Modernes, kopfüber wirkendes Haus mit vielen Fenstern in grüner Wiese unter wolkigem Himmel.
Kurios: auf dem Weg nach Hindeloopen zeigt uns Piet dieses verkehrte Bauernhaus
Kanaldorf mit weißer Brücke, roten Ziegeldächern und Booten; ruhige Herbststimmung, links Schild Gallery.
Die Brücke in Hindeloopen, die "man kennt"
Historische Häuser an einem Kanal mit Garten und Blumen, rote Ziegeldächer unter grauem Himmel; ruhig und ländlich.
Wunderschön und wie eine Zeitreise! Es gibt keine Autos, nur Fußwege und Fahrräder

Der schöne gemeinsame Tag endet mit einem von Petra gekochten Abendessen und einer wie immer angeregten Plauderei, denn eines hat sich schnell herausgestellt: wir können stundenlang über alles mögliche reden. Es wird nie langweilig und regt immer zum Denken an. Egal ob es um die unsere Kulturen, die Wirtschaft, Allgemeinwissen, Weltanschauungen oder Empfindungen geht - es ist immer spannend und bereichernd.


Glückselig fallen wir irgendwann nach einer entspannenden Dusche in die Federn und freuen uns schon auf den nächsten gemeinsamen Tag.


Mühlenhandwerk: ein besonderes Stück niederländischer Kultur

Das heißt, fast gemeinsam, denn Petra muss arbeiten. Das hält Piet aber nicht davon ab, wieder ein abwechslungsreiches Programm für uns zusammenzustellen. Unser Tag beginnt mit Kaffee (natürlich!) und einem entspannten Frühstück, ehe wir eine der wenigen noch in Betrieb stehenden Getreidemühlen besichtigen. Piet hat seinen alten Freund Johan gefragt, ob er für uns eine private Führung machen kann. Die Mühle "Molen de Hoop" in Stiens wird von ihm immer noch betrieben und er führt uns durch diese. Mit seinen über 80 Jahren ist er fit wie ein Turnschuh und kraxelt ohne Probleme die schmalen, steilen Leitern nach oben in den Turm.


Drei Personen sprechen vor einem reetgedeckten Haus; Mann im blauen Mantel gestikuliert, rote Tür im Hintergrund.
Johan erzählt uns mit viel Begeisterung alles über "seine" Mühle und wir sind nicht müde, viele Fragen zu stellen
Historische Windmühle mit Flügeln, Backsteinbasis und Häusern im Hintergrund unter blauem Himmel, ruhig und still.
Die wunderschöne Mühle war 1992 Opfer eines Brandes, und wurde im selben Jahr wieder aufgebaut
Holzverkleidete Mühlenmechanik im dunklen Dachraum, Leiter davor, Sonnenlicht durchs Fenster auf Holz und Metallrohr.
Außen wie innen wunderschön!
Holzschild mit BREAD-Rezept, daneben alte Blechdose und blaue Hefe-Päckchen im warmen Licht.
In der Mühle wird immer noch Mehl in kleineren Mengen für lokale Bäckereien und Betriebe gemahlen
Älterer Mann in dunkler Jacke zwischen großen hölzernen Zahnrädern in warmer Werkstatt, nachdenklicher Blick
Komplexe Mechanik und viel Holzfertigung: Johan kennt jeden Winkel, jedes Zahnrädchen, jeden Balken

Das niederländische Müller-Handwerk steht seit über 10 Jahren auf der Liste der immateriellen Weltkultur-Erben von UNESCO. In der Mühle de Hoop befindet sich auch ein kleiner Laden, wo das Mehl direkt verkauft wird. Jeden Samstag zwischen 09:00 und 13:00 Uhr steht die Mühle für Besichtigungen offen. Danke lieber Johan, dass du dir für uns so viel Zeit genommen hast und uns mit deiner Leidenschaft für dieses Handwerk angesteckt hast! Dank je wel!


Der schiefe Turm von Leeuwarden... und andere Besonderheiten dieser Stadt

Wir genießen noch einen gemeinsamen Kaffee und Kuchen und verabschieden uns sehr beeindruckt von Johan, um unser nächstes Ziel Leeuwarden anzusteuern. Sie ist die größte Stadt und Verwaltungssitz der Provinz Friesland und hat ca. 130.000 Einwohner, ist also in etwa so groß wie Innsbruck.


Hoher Backsteinturm mit Uhr auf leerem Platz, umgeben von Herbstbäumen unter hellem Himmel.
Der schiefe (und unfertige) Kirchturm Oldehove, der sich ähnlich dem schiefen Turm von Pisa stetig weiter neigt

Leeuwarden hat einen liebenwerten Flair und wirkt jung und historisch zugelich. Piet führt uns schnellen Schrittes durch die tolle Stadt und wir sind vollends verzaubert. Wir besuchen die Altstadt, schlendern durch kleine Gassen, immer untermalt von Piets faszinierendem Fundus an Wissen über jede Ecke, egal ob historisch oder politisch. Wir treffen sogar eine alte Freundin von ihm und genießen einen gemeinsamen Kaffee. Für Piet ist gemeinsames Kaffeetrinken die Zeit, in der man Zeit für Gespräche findet, Pläne schmiedet, philosophiert oder einfach verschnauft. Im Englischen würde man wahrscheinlich sagen "share a coffee" - denn man teilt wirklich einen Moment miteinander. Auf Deutsch habe ich gar keine passende Übersetzung gefunden. Bei uns trinkt man zwar Kaffee miteinander und es wird dabei ebenso miteinander gesprochen, aber die Nuance ist trotzdem anders. Man wird eingeladen, ganz offen miteinander zu reden, es entsteht ein eigener Raum. In Deutschland und West-Österreich ist eher das gemeinsame Bier, in Ost-Österreich und Frankreich vermutlich ein Glas Wein, und in Großbritannien der Tee, der zum offenen Gespräch einlädt. Kleine philosophische Notiz am Rande... wir machen weiter.


Herbstliche Grachtenansicht mit gelben Bäumen, Brücke und rotem Backsteinhaus; Fahrräder und Spaziergänger, ruhig.
Bezaubernder Altstadt-Flair mit herbstlich-romantischer Stimmung
Historisches gelbes Eckhaus der Centraal Apotheek an ruhiger Straßenecke, Fahrräder und Autos vor blauem Himmel.
Eine wunderschöne Apotheke
Warmes, leeres Café mit Bambusstühlen, Hängepflanzen und Weidenlampen; Bar im Hintergrund, Wandbild und Holzbox mit Mogort.
Dort haben wir vorzüglich gespeist: im ehemaligen Gefängnis "Proefverlof", was so viel wie "Freigang" bedeutet
Frau in Schürze verkauft Süßigkeiten in einem alten Laden, ein Mann schaut zu; Gläser mit Bonbons auf der Theke.
Das Museum "De Grutterswinkel": ein Süßigkeitenladen mit historischem Flair. Piet schwelgt in Kindheitserinnerungen

Ein kleines Highlight für uns ist das Museum De Grutterswinkel: ein ehemaliges Greisler-Geschäft aus dem Jahr 1901. Neben einem Süßigkeitenladen und einem Café gibt es ein Museum mit allerlei interessanten Fakten rund um Lebensmittelbeschaffung, Haushalt, Schmuggel und Alltagsleben der Niederländer bis in die 1970er Jahre. Es erzählt die Geschichte der Kolonialwaren und man staunt so manches Mal auch über die Kreativität der damaligen Schmuggler: nicht selten wurden in Kinderwagen doppelte Böden eingebaut, um Tabak oder Alkohol zu schmuggeln. Clever!


Wandgemälde einer Frau im burgunderroten Kleid mit Apfel zwischen Backstein- und hellen Häusern; unten steht Loretta Lizzio.
Teil der Szenerie in Leeuwarden: unglaublich beeindruckende Graffiti-Kunst

Am höchsten (von Menschen geschaffenen) Punkt der Niederlande

Gut gespeist, viel gesehen und wieder mit feinen Süßigkeiten ausgestattet geht es für weiter zu einem letzten Zwischenstopp für diesen Tag: Hegebeintum, oder auf Niederländisch: Hogebeintum. Der Ort mit satten 85 Einwohnern liegt mit fast 9 Metern über dem Meeresspiegel auf der höchsten Warft (niederländisch: terp) der Niederlande.


Bei einer Warft handelt es sich um einen von Menschenhand aufgeschütteten Hügel, der als Hochwasserschutz dient. Warften entstanden vor den Deichen. Oft findet man (auch hierzulande) Kirchen oder wichtige Gebäude auf Anhöhen gebaut, wie auch hier die Kirche von Hegebeintum.


Alte Backsteinkirche auf Hügel, von herbstlichen Bäumen umgeben, unter grauem Himmel.
Die Warften wurden ab dem 19. Jahrhundert großteils wieder abgebaut, denn die Warft-Erde war sehr fruchtbar
Zwei Männer gehen auf einem herbstlichen Backsteinweg, einer mit Kamera, vor einem Backsteinhaus unter gelben Bäumen.
Piet erzählt uns, dass beim Abbau der Warften oft tolle Funde gemacht wurden: Schmuck, Silber und Dekorationen aus hochwertigen Metallen
Weite grüne Felder mit kahlen Bäumen, alten Grubenwagen und Bank unter hellem Himmel.
Zeitzeugen vom Warft-Abbau: links im Bild die alten Schienen und Wagen, mit denen die Warften wieder abgetragen wurden.

Anzeichen für archäologische Funde entlang der Warften zeigen, dass bereits im frühen Mittelalter Handel mit Großbritannien und Skandinavien gemacht wurden. Die Warften wurden ab dem 19. Jahrhundert großflächig wieder abgebaut, da die Erde sehr fruchtbar war und man damit landwirtschaftliche Flächen gedüngt hat.


Am Fuße der Warft von Hegebeintum befindet sich auch ein Besucherzentrum, in dem die Geschichte der Warften, dessen Abbau und die Funde, die währenddessen gemacht wurden, anschaulich dargestellt werden.


Kaiserschmarren für die Seele

Nach einem weiteren Tag voller kleiner Abenteuer führt uns unser Weg heimwärts bzw. in den Supermarkt: wir wollen heute für Petra kochen, die den ganzen Tag arbeiten war. Es gibt Knoblauch-Nudeln und auf besonderen Wunsch von Petra und Piet einen Kaiserschmarren, den wir gemeinsam zubereiten. Kohlenhydrate-mäßig ein mächtiges Abendessen, aber wir haben ja viel gesehen und unternommen, und auch der Seele tat es gut. Vom Kaiserschmarren ist übrigens nix übrig geblieben....


Zwei Frauen kochen in einer warm beleuchteten Küche; eine rührt in der Pfanne, beide lächeln.
Wir kochen mein liebstes Kaiserschmarren-Rezept: es gelingt und schmeckt himmlisch!

Die Bäuche sind voll, die Gesichter glücklich, die Augen werden müde... Unser letzter gemeinsamer Tag steht bevor.


Mit den fiets durch Harlingen

Unseren letzten gemeinsamen Tag in den Niederlanden verbringen Mario und ich auf den "fiets", als Fahrrädern, um Harlingen auf richtig authentisch niederländische Art zu erkunden! Piet vermietet Geschäftsflächen und musste spontan dorthinfahren um ein technisches Problem zu beheben, und Petra schickte uns los, um ein bisschen Zeit gemeinsam verbringen zu können, während sie sich um das Mittagessen kümmert. Wirklich rührend, fanden wir.


Lächelnde Frau mit Mütze sitzt auf einem Fahrrad vor einem Backsteinhaus im Hof.
Radfahren auf klassisch niederländisch: per fiets geht es auf ins Stadtzentrum!

Da Petras Geburtstag in ein paar Tagen sein würde, nutzten wir die Gelgenheit nicht nur, für einen kleinen Bummel in Zweisamkeit, sondern auch, um ihr eine kleine Freude zu besorgen. Beide hatten sich so viel Zeit für uns genommen, uns mir ihrer Gastfreundschaft und Aufmerksamkeit total beseelt und wir wollten uns so auch bedanken.


Nebliger Hafen mit Holzsegelschiff am Kai, spiegelndem Wasser und Häusern; auf einem Haus steht JAVA.
Das Schiff "Witte Swaen" ("weißer Schwarn") - bzw. dessen Nachbau. Wir hatten das Glück, einen Teil der Besatzung zu treffen und mit ihnen über ihre Teilnahme am Tall Ships Race 2026 zu sprechen. Danke euch für den wundervollen Plausch!
Kamel-Wandmalerei mit Blumenkranz an weiß-blauer Hauswand; daneben Schriftzug Galerie de Vis 40 jaar.
*Wir haben es gefunden: das Kamel mit den großen Füßen
Mann in blauer Jacke lächelt im Nebel am Hafen vor dem Segelschiff ATLANTIC AMSTERDAM.
Trotz, oder gerade wegen des Nebels hatte die Stadt für uns nochmal eine völlig mystische Atmosphäre

*Es gibt zu dem Kamel einen Insider: sobald jemand sagt "Und jetzt?" ist es Usus der beiden darauf zu antworten: "...kommen die Kamele mit den großen Füßen". Und zwar auf Deutsch. Woher der Spruch kommt, ist nicht ganz klar, aber er sorgte immer wieder für Lacher und hat sich auch in unseren Sprachgebrauch mittlerweile etabliert. Als wir an einer Hausmauer vorbeifuhren, meinte Mario plötzlich: "Da ist es! Wir haben es gefunden! Das Kamel mit den großen Füßen!" und lachten uns wirklich schlapp über das Kamel-Graffiti.


Wenn wir nun schon in den Niederlanden sind, darf ein Einkauf auf keinen Fall fehlen: Käse! Petra gab uns den Tipp eines Feinkostladens in der Innenstadt und da sie sehr von der Qualität der Produkte schwärmte, war ein Geschenk für sie auch gleich gefunden. Ein Geschenkkorb mit feinen Leckereien soll es werden.


Einen Bummel durch die Geschäfte, eine Fahrt entlang des Hafens und ein paar Momente der Zweisamkeit später waren wir auch schon wieder zurück und konnten ein gemeinsames Mittagessen und Kaffee genießen, ehe wir uns langsam aber sicher auf die Weiterfahrt machten. Petras Geburtstagsgeschenk konnten wir heimlich an Piet überreichen, der es gut verstecken und ihr am Geburtstag überreichen würde.


Die Weiterfahrt zögerten wir ziemlich hinaus, denn es fiel uns wieder einmal sehr schwer, von dannen zu ziehen. Wir hatten eine wundervolle, familiäre Zeit genossen, waren ganz berührt davon, wie viel Zeit sich die beiden für uns genommen haben und wie schön so ein Miteinander sein kann, auch wenn man sich erst seit kurzem kennt.


Wir wissen, dass ihr unseren Blog lest und deshalb danke euch beiden, von Herzen! Wir freuen uns schon sehr auf unser nächstes Wiedersehen! We sturen jullie veel liefs en een dikke knuffel. 🫂

 
 
 

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