Preikestolen: 600 Meter senkrecht ins Meer
- Desi

- 25. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Dez. 2025

Von Stavanger aus fuhren wir nach Osten Richtung Jørpeland, wo wir an einem kostenlosen Bobil-Stellplatz mit Ver- und Entsorgung übernachteten. "Bobil" ist Norwegisch für "Wohnmobil". Entgegen der allgemeinen Annahme, dass in Skandinavien überall nach Gutdünken im Camper übernachtet werden darf, ist dies nicht überall erlaubt oder sinnvoll. Wir haben während unserer Reise stets darauf geachtet, niemanden zu stören, keine Plätze zu blockieren oder gar zu verschmutzen. Daher haben wir bei unserer Übernachtungsplatz-Suche mehrere Apps genutzt, um Plätze zu finden, bei denen wir definitv wussten, dass wir dort übernachten durften. Natürlich sind Apps auch nicht immer zuverlässig, aber mit ein bisschen Hausverstand kommt man gut zurecht.

Wir konnten uns trotz etwas Verkehrslärm gut in unserem Fernweh-"Inni" erholen und gestärkt auf zu unserem nächsten Ziel machen: dem Preikestolen. Eine sehr bekannte und auch extrem überlaufene Wanderroute auf den Predigtstuhl, wie der Preikestolen auf Deutsch heißt. Mario war hier vor 10 Jahren schon einmal. Damals war es schon ein Hot-Spot für Wanderer, Fotografen und Influencer. Man kann sich denken, dass es heute noch überlaufener ist. Da wir in der Nebensaison unterwegs waren, es unter der Woche und das Wetter eher verregnet-wechselhaft war, hofften wir auf etwas ruhigere Wanderbedingungen.
Wir parkten beim Base-Camp-Parkplatz um umgerechnet ca. 23,50 Euro (275 NOK, Stand 10/25) für ein Ganztagsticket. Übrigens ist Campen am Parkplatz verboten. Die Wanderung ist gut ausgeschildert und dauert hin und retour etwa 4 Stunden und beträgt 500 Höhenmeter.

Teile des Wanderwegs wurden 2013-2014 von Sherpas mit Steintreppen gebaut. Die Wanderung ist abwechslungsreich und landschaftlich sehr schön. Man versteht schon zu Beginn des Weges, warum hier so viele Menschen hochwandern wollen.


Wir sind erfreut, dass wir am Weg nach oben nicht Teil einer breiten Masse sind, sondern auch lange alleine unterwegs sind, ehe uns vereinzelt mal Leute entgegenkommen oder überholen, während wir Fotos machen. Immer mal wieder zieht es zu und regnet leicht. Das sorgt für teilweise dramatische Stimmung und tolle Fotomotive 😇.

Als wir unserem Ziel schon sehr nahe sind, eröffnet sich der Blick auf den Lysefjord, der tief ins Landesinnere hineinreicht. Vor etwa 10.000 Jahren war dort nur Eis und Gletscher, die durch Frostsprengung und Abschliff die Formation des Predigtstuhls und der umliegenden Felsen formte.

Übrigens sind Wissenschaftler sich einig, dass der Predigtstuhl nicht in Gefahr ist, abzubrechen - im Gegensatz zu anderen Felsen an norwegischen Fjorden. Die Felsplattform besteht vorrangig aus Granit bzw. Granit-Gneis.


Laut Wikipedia bzw. eines Spiegelartikels von 2019 gab es im Juli deselben Jahres einen Tages-Besucherrekord von über 5.340 Besuchern! Das große Problem dabei: die hohe Anzahl an Rettungseinsätzen durch Erschöpfung oder Verletzungen, die Vermüllung und Verschmutzung durch kleine und große Geschäfte in der Natur, bei denen die Hinterlassenschaften einfach liegen gelassen und auch Papiertaschentücher nicht mitgenommen werden.

Natürlich ließen es sich einige "Wagemutige" nicht nehmen, sich direkt an die Felskante zu setzen. Ein Turnertrupp nutzte die Plattform für sehr lange und ausgedehnte Kunststücke. So beeindruckend und auch mutig wir das auch fanden, irgendwie hinterlässt es auch einen Beigeschmack. Die Natur als Bühne zur Selbstinszenierung. Natürlich gibt es keine Regeln dafür, warum wir die Natur oder besondere Plätze aufsuchen 😉.

Trotzdem macht es uns nachdenklich. Wir sind ja in diesem Moment genauso Teil eines Kollektivs. Auch wir wollen diesen Ort sehen, auch wir wollen tolle Fotos und schöne Erinnerungen. Wie kann man reisen und sich über schöne Fotos freuen, ohne Teil eines "Problems" zu sein? Oder geht das gar nicht? Muss für uns auch die Natur als Model herhalten? Wo hört die Demut auf, wo fängt die Ausbeutung an? Ja, das klingt etwas dramatsich und ist es sicherlich auch, aber wir nahmen uns kurz Zeit, auch über uns selbst nachzudenken und vielleicht auch zu überdenken, wie wir was und warum machen.


Nach diesen schweren Fragen und keinen eindeutigen Antworten beließen wir es dabei, dass es wohl in Ordnung ist, solange man keinen Schmutz und Müll hinterlässt und andere nicht unnötig stört - weder Mensch noch Tier. Hinterlassen wir lieber das Gefühl von Zufriedenheit und Freude über die Natur und genießen unsere Jause - nicht alle Fragen müssen ja umgehend beantwortet werden.

Übrigens trafen wir die Turnertruppe auf unserem Weg nach unten wieder, als wir noch einige Fotos machten. Der See, den wir auf halbem Weg zum Beispiel fotografiert hatten, war ihnen gar nicht aufgefallen. "Ach guck, ein See. Den hab ich gar nicht gesehen beim Hochlaufen", meinte einer beim Vorbeigehen.

Nach dieser großartigen und denkwürdigen Wanderung entschieden wir uns für ein Rastplätzchen direkt am Botnefjord. Einige Häfen und Bootsvereine bieten auch für Wohnmobile (meist) kostenpflichtige Übernachtungsoptionen an, einige davon sogar mit Dusche und WC, viele mit Frischwasser und Müllentsorgung. Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang kamen wir an unserem Übernachtungsplatz an und ließen den Tag Revue passieren.


Müde von den langen Fahrten der letzten Wochen, unseren täglichen Abenteuern sowie der Wanderung genossen wir den Sonnenuntergang am Botnefjord. Uns gefiel es dort so gut, dass wir drei Nächte dort übernachteten, um einfach mal... nichts zu tun! Oder nicht viel. Nur mal Fotos aussortieren, bearbeiten, die weitere Reise planen und einkaufen. So ist das mit einer Reise mit Wohnmobil: ein Tag "nichts tun" heißt, regelmäßig Frischwasser aufzufüllen, Abwasser abzulassen, Toilette entleeren, einkaufen, Gas checken.

Wir waren nun exakt bei unserer Halbzeit angekommen, also genau 1 Monat unterwegs. Langsam aber sicher schleicht sich eine gewisse Müdigkeit ein. Während man unterwegs ist, erlebt man sehr viel - das muss auch erst mal verarbeitet werden. Und da kamen ein paar Tage Ruhe ganz recht 😄. Einen Tag nutzten wir für einen Ausflug zum Høllesli Aussichtspunkt, etwas südlich vom Preikestolen-Parkplatz. Und wo unsere Reise als nächstes hingeht und wann wir endlich die zwei netten englischen Camper, die wir bei Bergen kennen lernten, wieder treffen, erfahrt ihr später mal. Bis zum nächsten Mal! Ha det!




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