Zwischen Himmel und Holzkunst: Stabkirchen und die Hardangervidda
- Desi

- 3. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Wer sich von Oslo aus auf den Weg nach Eidfjord macht und dabei die Route über die Hardangervidda wählt, erlebt eine Reise durch Zeit und Natur. Diese Strecke verbindet nicht nur zwei Orte, sondern auch zwei Welten: die mystische Vergangenheit der norwegischen Stabkirchen und die majestätische Weite der Hardangervidda.
Die Stabkirchen – hölzerne Zeugen der Geschichte
Stabkirchen sind ein architektonisches Erbe aus dem Mittelalter, errichtet zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert, als Norwegen vom Heidentum zum Christentum überging. Diese Kirchen bestehen fast ausschließlich aus Holz und zeichnen sich durch ihre senkrechten Tragwerke – die „Stäbe“ – aus, die ihnen ihren Namen geben.

Auf unserer Route zwischen Drammen und Geilo begegneten wir mehreren dieser beeindruckenden Bauwerke. Halt machten wir erst bei der Stabkirche Rollag, die sich etwa 50 Kilometer im Nordosten von Kongsberg befindet und vor genau 600 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde. Was wir ganz besonders schön fanden, war der Gottesdienst, der gerade stattfand und den man durch die offene Kirchentüre etwas hören konnten. Die Kirche schien bis auf den letzten Zentimeter mit jungen Menschen gefüllt, denn als der Gottesdienst zu Ende war, hörte der Strom an Kirchgängern gar nicht mehr auf, der aus der Kirche floss. Wir wollten da natürlich nicht stören und verließen leise das Gelände, aber es war sehr schön zu sehen, dass die Kirche rege genutzt wurde.

Unser nächster Stopp war in Nore, wo wir auch übernachteten. Die dort stehende Stabkirche befindet sich zwischen zwei Höfen und hat uns durch ihre Mischung aus unauffälliger Zurückhaltung und schlichter Eleganz bezaubert. Die Witterungsseite wirkt fast wie aus Gold, während die eher windgeschütztere Seite in dunklem Pechschwarz leicht glänzt. Die Holzkirchen werden nämlich nach wie vor mit gekochtem Baumharz gestrichen und so vor Witterung, Schimmel und Feuchtigkeit geschützt.


Die Stabkirche Nore stammt vermutlich aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts und wurde bis Mitte des 18. Jahrhunderts immer wieder erweitert bzw. umgebaut.



Unsere letzte Kirche auf dieser Route war die Kirche Uvdal, die genau genommen keine Stabkirche ist. Sie wurde 1893 eingeweiht und von Architekt Henrik Bull entworfen. Wie man unschwer erkennen kann, ist sie stark vom Baustil der Stabkirchen inspiriert.

Von hier aus ging es direkt nach Geilo, einem beliebten Skiort in Norwegen. Allmählich veränderte sich die Landschaft, die bunten Laubbäumen wichen den karge Ebenen, schwarze blätterlose Birken zierten den Straßenrand. Plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Geilo selbst erinnerte mich etwas an Skiorte wie Sölden bei uns: große Hotels, Bergbahnen und Sportgeschäfte. Das ist nicht ganz unsere Welt, darum ging es ohne Halt weiter für uns.

Die Hardangervidda – Norwegens wildes Herz
Sobald man Geilo hinter sich lässt und weiter Richtung Westen fährt, öffnet sich die Landschaft der Hardangervidda – ein riesiges Hochplateau, das sich über 8.000 Quadratkilometer erstreckt und damit das größte seiner Art in Europa ist. Hier oben, auf durchschnittlich 1.100 Metern Höhe, herrscht eine raue, fast tundraartige Vegetation. Bäume sind selten, stattdessen dominieren Moose, Flechten und niedrige Sträucher.

Die Hardangervidda ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber. Zahlreiche gut markierte Routen durchziehen die Ebene, darunter der berühmte Postvegen, ein historischer Postweg, der einst die Dörfer verband. Wer hier unterwegs ist, erlebt die Natur in ihrer ursprünglichsten Form: klare Bergseen, weite Horizonte und eine Stille, die fast ehrfürchtig macht.

Wasserfälle – die tosenden Juwelen der Hochebene
Doch die Hardangervidda ist nicht nur still und weit – sie kann auch laut und spektakulär sein. Entlang der Route stürzt das Wasser in dramatischen Kaskaden in die Tiefe. Besonders beeindruckend ist der Vøringsfossen, einer der bekanntesten Wasserfälle Norwegens. Mit einer Fallhöhe von 182 Metern donnert er in die Schlucht des Måbødalen und bietet ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht.

Ein Aussichtspunkt mit sicherer Plattform ermöglicht einen atemberaubenden Blick auf den Wasserfall – und wer mutig ist, kann über die neue Hängebrücke direkt über die Schlucht spazieren. Der Kontrast zwischen der kargen Hochebene und dem wilden Wasser ist ein Sinnbild für die Vielfalt Norwegens. Zumindest, wenn man etwas erkennen kann, denn wir durften die Wasserfälle mehr hören als sehen. Der Nebel forderte uns heraus, unsere Fantasie und Vorstellungskraft zu aktivieren!



Gegebenheiten und Erlebnisse auf der Hardangervidda
Die Hardangervidda ist nicht nur landschaftlich faszinierend, sondern auch ökologisch bedeutsam. Sie beherbergt die größte Wildrentierpopulation Europas und ist ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Vogelarten. Das Wetter kann hier schnell umschlagen – von Sonne zu Schneeregen in wenigen Stunden – weshalb gute Ausrüstung und Planung unerlässlich sind.

Trotz ihrer Abgeschiedenheit ist die Hardangervidda gut erschlossen. Kleine Hütten und Wanderunterkünfte bieten Schutz, und die Straßen sind auch im Sommer gut befahrbar. Wer sich Zeit nimmt, kann hier Tage verbringen – wandernd, staunend, fotografierend.
Abwechslungsreich, roh und wunderschön
Trotz des schnell umschlagenden Wetters – oder gerade deshalb – ist diese Hochebene einfach etwas Besonderes. So gerne hätten wir uns mehrere Tage Zeit genommen, um schöne Wanderungen zu unternehmen, anzuhalten und mehr von der Schönheit und Rohheit dieser Landschaft aufzusaugen. Für unsere 2-monatige Reise hatten wir uns aber noch einiges vorgenommen, sodass wir etwas auf die Zeit achten mussten.

Wer diese Route wählt, sollte sich also genügend Zeit nehmen. Für die Kirchen, für die Wanderungen, für die Aussicht. Denn hier, zwischen Holz und Himmel, liegt etwas Verwunschenes und etwas Wildes.
Noch mehr Fjorde und Wasserfälle
Eine Verschnaufpause in Eidfjord ist übrigens Pflicht! Der Hardangerfjord trifft auf wunderschöne Felswände und bezaubernde Häuschen. Wir entschieden uns für einen Zwischenstopp am südlichen Ende des wunderschönen Eidfjordsees bei Sæbø Camping -einem der wenigen Campingplätze in der Gegend, die bis Mitte Oktober noch geöffnet hatten - mit herrlichem Blick auf das Wasser und die schönen Felswände. Mario hatte hier vor 10 Jahren schon einmal gecampt.

Der Campingplatz ist seit 70 Jahren in Familienbesitz und mittlerweile wird er in 4. Generation von Håvar geführt. Ganz herzlichen Dank an dieser Stelle an dich, Håvar, für deine Gastfreundschaft und die langen, schönen Gespräche! Wir wünschen dir eine tolle Saisonpause und sehen uns vielleicht bei unserem nächsten Norwegen-Trip wieder.

Nachdem wir wieder so viele unglaublich schöne Eindrücke gesammelt hatten, fielen wir zufrieden und erschöpft in die Federn. Das nächste Abenteuer wartete nämlich schon: die Vier-Wasserfall-Wanderung bei Kinsarvik. Dafür brauchten wir aber erstmal guten Schlaf, also: god natt! 😴




Kommentare